Autor Thema: Wie ein "Impfstoff" gegen Wirtschaftskrisen getestet wurde oder kein Wunder in W  (Gelesen 2010 mal)

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Peco

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Wie ein "Impfstoff" gegen Wirtschaftskrisen getestet und verboten wurde.
(Auszug aus www.provokant.net)


Können wir aus der Geschichte lernen? Es gibt Denker, die das verneinen. Doch: Was hätte eine Beschäftigung mit der Geschichte für einen Sinn, wenn wir dabei nicht versuchten,  Hand­lungen und Verläufe uns lernend anzuschauen? Versuchen wir’s an einem Ereignis, das weitgehend in die Vergessenheit gedrängt wurde.

Die kleine österreichische Stadt Wörgl nahe der heutigen A 12 zwischen Kufstein und Innsbruck litt 1932 an der Welt­wirt­schafts­krise mindestens ebenso wie die meisten Gemeinden andernorts: Produktions- und Dienstleistungsflaute, Arbeitslosig­keit, Schulden, Hunger, Verzweiflung. Dabei waren seine Ein­wohner nicht weniger klug und fähig und fleiß­bereit als vor der Krise. Doch das nützte ihnen nichts.

Der Mechanismus, in dem sie ihre ar­beits­teiligen Tätigkeiten und Waren austauschen mussten, klemm­te. Wie überall damals. Das Geld, der „Tausendsassa“, der diesen lebensnotwendigen Austausch ermöglicht, schien ausgegangen. Ir­gend­wo wird es schon gesteckt haben. Zunächst bei jenen, die davon genug hatten, weil viele andere nichts oder kaum etwas be­saßen. Und wer wenigstens ein wenig davon hatte, hielt es zurück, für noch schlimmere Zeiten.

Wenn es nicht so traurig, ja katastrophal wäre, könnte man glatt darüber lachen: Menschen mit kräftigen Armen und klarem Kopf können sich nur deshalb kaum ernähren, kleiden und be­her­bergen, weil sie ihre (notwendigerweise spezialisierten) Tätig­kei­ten nicht austauschen können. Und alles nur deshalb, weil ihnen das Mittel, das ihnen zu diesem Austausch dient, das Geld, einen Streich spielt. Es verweigert sich.

Aber: Ist das Geld etwa ein Lebewesen? Gar ein Dämon, der - für den Dienst geschaffen - nicht mehr dienen will? Oder liegt es eher an den Bestimmungen des „Arbeitsvertrages“, den wir mit die­sem Diener abgeschlossen haben? Liegt es an den Spielregeln des Geldwesens, nach denen immer nur einige gewinnen und vie­le verlieren?


Wörgls damaliger Bürgermeister Michael Unterguggenberger stellte sich ernsthaft solche Fragen. Und weil er von den Überlegungen des Sozialreformers Silvio Gesell (1862 – 1930) über ein dienendes Geld gehört und gelesen hatte, fasste er den Entschluss, die Ideen dieses Mannes in seiner Gemeinde aus­zuprobieren. Wenn das bisherige Zahlungsmittel nicht mehr „willens“ und in der Lage war, den Austausch der Tätigkeiten und Waren zu ermöglichen, dann musste man sich eben ein an­deres herstellen. Schließlich hat das Geld eigentlich keinen Wert an sich. Man kann es weder essen noch sich mit ihm kleiden noch etwa in ihm wohnen. Es ist nur ein Zeichen für den Gegenwert einer geleisteten Arbeit, den man auf der kom­pli­zier­ten Tauschbörse namens Markt für Produkte oder Leistungen anderer einlösen kann, sofort oder später.

Waren die Bürger Wörgls, so dachte Unterguggenberger, bereit zu arbeiten, also ihren Lebensunterhalt mit eigener Hände und Kopf Arbeit zu verdienen, indem sie ihre Arbeitsergebnisse untereinander austauschten - was lag dann näher, als ihnen ein funktionstüchtiges Tauschmittel zur Verfügung zu stellen? Ein neues, unabhängiges Arbeitswert-Zeichen!

Genau dies, nämlich „Bestätigter Arbeitswert“, war auch auf den Schei­nen zu lesen, die die Gemeindeverwaltung drucken ließ, ge­nauer: deren Wohlfahrtsausschuss „Nothilfe Wörgl“. Und auf die­sem Ersatzgeld standen - der Gewohnheit und der Prak­ti­ka­bi­li­tät halber – Wertgröße und Währungsname, 1 oder 5 oder 10 Schilling. Begleichen konnte man damit seine Verpflichtungen beim Kauf von Waren und Leistungen, sofern die Tauschpartner dieses neue Geld anerkannten. Und das taten sie. Die un­kon­ventionellen Scheine wurden tatsächlich in nahezu allen Geschäften der kleinen Stadt akzeptiert. Die Gemeinde selbst nahm sie selbstverständlich auch als Steuergelder entgegen. Letz­tere waren ja auch nur der rechnerische Ausdruck für eine Ver­pflichtung, der kommunalen Allgemeinheit Waren oder Lei­s­tun­gen zur Verfügung zu stellen.

Einen (besonders nützlichen!) "Haken" hatte das neue Geld al­ler­­dings: Wer einen Schein länger als dreißig Tage in seiner Ta­sche behielt und nicht ausgab, verlor 10 Prozent des auf­ge­druckten Werts. Das wurde ganz einfach durch die Pflicht rea­lisiert, monatlich eine käuflich zu erwerbende Marke auf­zu­kleben. Wer das vermeiden wollte, musste deshalb den Schein so schnell wie möglich, auf jeden Fall aber vor Monatsende los werden. "Taler, Taler, du musst wandern!" war das einhellig an­ge­stimmte Lied.

Es leuchtet ein, dass dieses Reglement zu einer raschen Zir­ku­la­tion von Waren und Dienstleistungen führte. Im „Blutkreislauf“ des Marktes pulsierte wieder „Blut“. Alle Beteiligten erhielten so­mit wieder die Chance, die Ergebnisse ihrer Mühen aus­zu­tau­schen und dabei gleichzeitig zu erfahren, welche Tätigkeiten ge­braucht wurden und welche nicht.

Das Ergebnis dieses Experiments ließ nicht lange auf sich war­ten. Die Wirtschaft der Gemeinde begann wieder aufzuleben. Im Laufe eines reichlichen Jahres sank die Arbeitslosigkeit um ein Vier­tel, während sie in der gleichen Zeit im Landesdurchschnitt und in fast ganz Europa noch um weitere 10 Prozent zunahm. Die Gemeinde Wörgl vergab reichlich Aufträge. Sie baute eine Skischanze und eine Betonbrücke, asphaltierte etliche Fahr­bah­nen, modernisierte die Straßenbeleuchtung, verlegte Kana­li­sa­tio­nen und stellte noch so manches andere auf die Beine. Und dies alles - man beachte! - mit nicht mehr als 32.000 Schilling Ar­beits­wertscheine, keine 8 Schilling pro Kopf der 4. 216 Einwohner. Der Buchhalter der Gemeinde befürchtete angesichts einer statt­lichen Summe rasch eingezahlter Steuern sogar Umtriebe von Geld­fälschern. Dies jedenfalls, bis ihn Bürgermeister Unter­gug­gen­berger über den reziproken Zusammenhang von Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit aufklärte. Und weil das neue Zah­lungsmittel schnell und darum „unterm Strich“ auch reichlich floss, hatten weder kleine noch große Bankiers irgendeine Aus­sicht darauf, Geld gegen Zins verleihen zu können. Kein Bedarf! Solch eigennütziges Tun erübrigte sich einfach.

Das Wunder von Wörgl, das kein Wunder war, sondern nur die Folge eines "verderblich" konstruierten Geldes, sprach sich im Lande und auf dem Kontinent herum. Nicht nur Journalisten, Ökonomieprofessoren und Gewerkschaftsfunktionäre, sondern selbst Unternehmer und Minister gaben sich in der öster­rei­chischen Gemeinde die Klinke in die Hand. Andererseits in­for­mierte auch der mutige Bürgermeister selbst nicht wenige seiner Amtskollegen über den gelungenen Versuch. Mit dem Ergebnis, dass fast 180 Gemeinden seines Landes entschlossen waren, das Wörgler Experiment ebenfalls zu wagen. Nicht auszudenken, welche Wohltaten über deren Einwohner hätten hereinbrechen können.

Der Wiener Nationalbank – nicht etwa ein staatliches, sondern ein privates Finanzinstitut! – gefiel diese Entwicklung jedoch überhaupt nicht. Verständlich. Wäre ihr daran gelegen gewesen, die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitslosigkeit und Armut zu beseitigen, hätte sie das Beispiel der Wörglschen Arbeitswertscheine nicht nur tolerieren, sondern geradezu fördern müssen. Doch ein Geld, das aufgrund seiner potenziellen Verderblichkeit stän­dig in Fluss gehalten und zum Diener wird, verliert die Fähigkeit, Macht zu verleihen. Es kann keine Zinsforderungen mehr durchsetzen und vermag seinen Besitzern keinen unverdienten Reichtum mehr zu schenken. Eine Katastrophe für die Bankiers! Wörgls neuartige Schillinge waren also eine Gefahr. Und die musste mit (staatlicher) Gewalt abgewendet werden. So wurde die Gemeindeverwaltung der kleinen Stadt unter Strafandrohung gezwungen, die segensreichen Scheine wieder aus dem Verkehr zu ziehen und sich, wie gehabt, jener Bank­noten zu bedienen, die zu finanzieller Erpressung taugen. Die Herrschaft des Geldes und derer, die es besitzen, sind heilig.
Arbeitslosigkeit und Armut kamen nach dem Ende des Ex­pe­riments sehr bald auch nach Wörgl zurück. Und auch kein an­derer in Österreich und anderswo durfte den von dieser kleinen Stadt gewagten Ausweg aus der Krise gehen. Wohin Eu­ropa in der Folge notwendigerweise getrieben wurde, dazu bedarf es wohl keines Hinweises. Die Jahreszahlen 1933 und 1945 sagen alles darüber aus.

Selbst unter politisch und ökonomisch interessierten Zeit­ge­nos­sen ist die Episode Wörgl samt ihres theoretischen „Vaters“ Silvio Gesell erstaunlich wenig bekannt. Warum wohl?! Es hat indes immer wieder Ansätze gegeben, sich aus den mächtigen Pranken des herrschenden Geldes zu befreien. Wenigstens teil­weise und in ganz kleinem Rahmen. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einige Projekte von Regionalwährungen, die nach dem Wörgler Muster funktionieren. Dies sogar unter Duldung und einer gewiss beaufsichtigenden Aufmerksamkeit der Bun­desbank. Dank Internet kann man sich hinreichend sachkundig über diese Regionalwährungen machen. Sie werden auch für "PROVOkant" ein Thema sein.


« Letzte Änderung: 31. Januar 2014, 14:16:45 von Peco »